8. Juni 2018

An alle Richter am Familiengericht

An alle Richter am Familiengericht

Sehr geehrte Frau Richterin, sehr geehrter Herr Richter!

Ich möchte nicht wissen, wieviele Briefe Sie am Familiengericht im Laufe der letzten Jahre schon bekommen haben, die versucht haben, Ihnen einen Sachverhalt aus möglichst subjektiven Gründen zu erläutern und Sie dementsprechend zu beeinflussen.

Jeden Tag müssen Sie Recht sprechen und entscheiden über Tausende von Eltern-Schicksalen – aber Sie entscheiden eigentlich hauptsächlich darüber, wie die Kindheit für deren Kinder ablaufen wird.

Ich kann mir vorstellen, dass das allein schon ein großer Druck sein muss, der da auf Ihren Schultern lastet. Und ganz bestimmt machen Sie es sich nicht leicht, das richtige Urteil zu fällen.

Doch muss ich diesen Brief an Sie schreiben. Für die Fälle, die gerade noch offen sind, und in denen kleine Kinder involviert sind. Und für alle Fälle, die noch auf Ihrem Tisch landen werden.

In denen Sie das Zünglein an der Waage sind, welche Generation von 20 – 30 Jährigen unsere Gesellschaft später einmal dominieren wird.

Nein, ich habe keine Zahlen. Selbst das Bundesfamilienministerium hat keine statistische Auswertung darüber, wie viele hochkonflikthafte Trennungen es im Jahr gibt und es in den letzten 10 oder 20 Jahren im Vergleich zu heute gegeben hat.

Es gibt keine Zahlen darüber, wieviele Verfahren hochkonflikthafte Elternteile ein und derselben Familie im Durchschnitt anzetteln, um „Recht“ zu bekommen, d.h. wie oft Sie sich als Richter immer wieder mit ein und demselben Sachverhalt auseinandersetzen müssen.

Es gibt keine Zahlen darüber, wie oft es in diesen Auseinandersetzungen um das Sorgerecht oder das Aufenthaltsbestimmungsrecht geht.

Es gibt auch keine Zahlen darüber, wer von beiden Elternteilen nun am häufigsten das Nachsehen hat und „verliert“. Oder der „strahlende“ Sieger ist.

Das alles schafft eine diffuse Angststimmung bei denen, die am meisten zu verlieren haben – die Elternteile, die sich bislang am intensivsten für ihre Kinder engagiert haben, bevor es zu der Trennung kam – und das sind in der Regel nun mal die Mütter.

Ja, es gibt sie: Gutsituierte Familienoberhäupter, die Karriere und Status erreicht haben, die über ein gutes Ansehen verfügen – und hinter der Fassade ihre unglücklichen Frauen bedrohen, falls diese bekunden, sich trennen zu wollen.

Nicht, dass ich glaube, dass sich alle Männer stets jegliche Unterhaltszahlungen leisten könnten. Aber oft geht es sehr wohl, vor allem, wenn diese Männer über ein entsprechendes Karriereniveau verfügen.

Jeder Fall ist natürlich individuell, und man darf nicht alle über einen Kamm scheren.

Wie ist das eigentlich bei Ihnen im Gerichtssaal?

Wenn Sie einen Vater in einem Sorgerechtsstreit gegenüber sitzen haben, achten Sie da auf seine Worte (ich weiß, das tun Sie selbstverständlich!) – allerdings in einem anderen Kontext? Nicht nur darauf, welche Fakten vorgetragen werden?

Sondern auch darauf, ob sich dieser Mann verständig zeigt, ob er mit Respekt über die vergangene Ehe spricht. Welche Anspruchshaltung hat der Mann?

Daneben die Frau und Mutter der gemeinsamen Kinder: Ist sie sehr aufgeregt, kann sie sich kaum artikulieren, ist sie oft einfach sprachlos? Macht sie eher den Eindruck, als ob die vorgetragenen Argumente des Ex-Mannes sie überraschen?

Ich beneide Sie ja nicht. Sie müssen Recht sprechen und kennen die Menschen nur aus dem Prozess-Kontext heraus. Sie wissen nicht wirklich, was dahinter steckt.

Also holen Sie sich andere Fachleute dazu und ziehen diese zu Rate.

Sie achten bestimmt darauf, dass die bestellten Gutachter geprüft sind und nach einem bestimmten Schema vorgehen, damit auch unparteiisch sind und einen hohen Qualitätsanspruch befriedigen, nicht wahr? Sonst könnten Sie sich ja nicht auf deren Empfehlung verlassen.

Und falls es Verfahrensbeistände für die Kinder geben soll, so denke ich mir, dass Sie darauf besonderen Wert legen, dass diese mit Kindern gut umgehen können, am besten selbst Kinder haben und diese nicht suggestiv wie Erwachsene befragen, oder?

Alles andere wäre ja geradezu katastrophal in den Auswirkungen…

Denn angenommen, man würde in 10 oder 20 Jahren feststellen, dass es eine Zeit gegeben hat, in der reihenweise Tausende von Kindern durch ein Rechtsurteil in Ihrem Gerichtssaal traumatisiert wurden, weil man ihnen die Hauptbezugsperson weggenommen hat, weil sie schon als Dreijährige ständig mit Sack und Pack alle zwei oder fünf oder sieben Tage zwischen zwei Wohnungen hin- und herpendeln mussten, weil nicht einmal eine klare Ansage in Richtung des aggressiven Elternteils ging, dessen Recht als Vater nicht im Vordergrund hätte stehen sollen, sondern das Recht des Kindes auf eine möglichst unversehrte Kindheit, sowohl physisch als auch emotional – ja dann wird es schwierig.

Es wird schwierig für Sie und alle anderen Richterinnen und Richter, die Müttern, die nachweislich vor der Trennung die Haupt-Bezugsperson für ihre Kinder gewesen sind, das Sorgerecht entzogen oder Kinder zum Wechselmodell gegen den Willen der Mütter verdonnert haben. Die mit dafür gesorgt haben, dass Müttern der Unterhalt vorenthalten wird, den der Ex-Partner locker hätte stemmen können, aber durch das Wechselmodell nun nicht mehr zu zahlen braucht.

Es wird dann auch schwierig für die Richterinnen und Richter, die dafür gesorgt haben, dass sich die Mütter in einer anderen Stadt keine neue Existenz aufbauen können und das Aufenthaltsbestimmungsrecht dem Vater übertrugen. Der fortan die Ex-Partnerin wunderbar damit kontrollieren und bevormunden kann.

Es wird schwierig für alle Richterinnen und Richter, die mitgeholfen haben, die Drohung „Ich mach dich so fertig – du wirst die Kinder nie wieder sehen!“ wahrzumachen.

In zwanzig Jahren wird es sehr laute und kritische Stimmen geben, die nachfragen, warum es selbst 2018 keine entsprechenden Studien in Deutschland gab, die die katastrophalen Auswirkungen auf das Bindungsverhalten von Kindern beschrieben, die vor ihrem 6. Lebensjahr ins Wechselmodell per Zwang gesteckt wurden. Obwohl es bereits alarmierende Erfahrungsberichte von Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten aus anderen europäischen Ländern gab, die das Wechselmodell als Standard Jahre zuvor einführten (siehe Dr. Maurice Berger, Lyon et al).

In zwanzig Jahren wird es sicherlich auch zu einer groß angelegten und öffentlichen Untersuchung kommen, in der jeder einzelne Fall von hochkonflikthaften Sorgerechtsprozessen von heute akribisch untersucht werden wird.

Es wird junge Erwachsene geben, die sich um ihre Kindheit betrogen fühlen; die sich nicht trauen, eine Bindung einzugehen oder selbst eigene Kinder in die Welt zu setzen – weil das, was sie erleben mussten, so schlimm war, dass sie es sich nicht vorstellen können, etwas Ähnliches mit eigenen Kindern eventuell noch einmal durchzumachen.

Diese jungen Erwachsenen werden, um sich zu finden, zu Therapeuten und Psychologen gehen. Sie werden die Aktenberge ihrer Mütter durchforsten; sie werden nachlesen, was von Verfahrensbeiständen zu Protokoll genommen wurde, was sie selbst gesagt haben sollen – mit 3 oder 4 Jahren.

Sie werden bestimmt auch die Notizbücher und digitalen Aufzeichnungen ihrer Mütter in die Hände bekommen. In denen werden sie nachlesen und nachvollziehen können, wie sehr sie als Kinder von den Vätern manipuliert wurden. Sie werden begreifen, welch unfassbares Leid ihren Müttern widerfahren ist, als diese im Gerichtssaal verzweifelt aber vergebens – da nicht eloquent genug, sondern zu „gefühlig“ – darum kämpften, gehört zu werden.

Sie werden in den Unterlagen der Mütter nachlesen, dass ihre Väter das Unglaublichste im Gerichtssaal behaupten konnten und diese Lügen für immer im Raum standen – da keine Zeugen zugelassen waren, es keine Gerichtsprotokolle gab und der ganze Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand.

Sie werden erkennen, wie hochgradig ihre Mütter nach dem hochmanipulativen Ex-Mann zusätzlich von Fremden – dem Jugendamt, den Verfahrensbeiständen, den Gutachtern, den eigenen Rechtsanwälten und vielleicht auch von Ihnen – traumatisiert wurden.

Sie werden dann so weit sein, das aufzuarbeiten und Erklärungen zu verlangen. Und ganz bestimmt werden sie sich nicht damit zufriedengeben, wenn ihnen entgegnet wird: „Das war halt damals so in der Rechtsprechung. Wir haben uns stets an die Gesetze gehalten.“

In jeder Generation wurde Kindern großen Schaden zugefügt – und immer kam es im Nachhinein an die Öffentlichkeit. Denn Kinder werden größer und irgendwann einmal mündige Erwachsene.

Hinterher stehen die, die dafür verantwortlich sind, im Rampenlicht.

Wie könnte man eine solche Entwicklung verhindern oder zumindest abmildern?

An erster Stelle wäre das intensive Auseinandersetzen mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu nennen. Klar – Sie sind kein Psychologe und können nicht auch noch diese Disziplin besetzen. Und doch – es ist interessant, wenn man mit diesem Hintergrundwissen Aussagen im Gerichtssaal zu bewerten hat.

Nein, nicht jedes Verfahren rund ums Sorge- oder Aufenthaltsbestimmungsrecht kann der NPS einer der hochkonflikthaften Elternteile zugeschrieben werden – aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist verdammt hoch!

Ganz zum Schluss sollte ich noch erwähnen, dass ich selbst nie vor Gericht stand und um das Sorgerecht für mein Kind kämpfen musste. Von daher sehen Sie mir eine gewisse Naivität in meinem Idealismus und meinen Ansichten über die Aufgaben der Gerichte bitte nach.

Als Coach von Müttern mit toxischen Ex-Partnern bin ich allerdings ziemlich nah dran an den Auswirkungen, die Sorgerechts-Gerichtsprozesse für betroffene Mütter und Kinder bedeuten.

Nennen Sie mir bitte einen Punkt, den Sie nicht als haltbar oder falsch betrachten, und ich werde dazu gern Stellung beziehen.

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