Warum du kein Familiengutachten zulassen solltest

Feb 8, 2019 | 0 Kommentare

Wenn du gerade in einem heftigen Gerichtsprozess um das Sorge- oder Aufenthaltsbestimmungsrecht mit deinem toxischen Ex-Partner steckst, dann kommt bei Nichteinigung früher oder später das Thema Familiengutachten auf.

Mit Sicherheit.

Was allerdings zuerst als eine „normale“ weitere behördliche Hürde im Gerichtsmarathon aussehen mag, bei der du meinst „die musst du halt dann auch noch nehmen, das wird schon“, so darfst du das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Hier steckt ein ziemlich großes Gefahrenpotenzial für dich dahinter – und ich schreib das jetzt nicht, um dir Bange zu machen.

Aber es gilt wie immer: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Bereite dich also vor, informiere dich, und wäge ab.

Eine Anmerkung an dieser Stelle: Du weißt, ich bin keine Rechtsanwältin, und ich darf und will dir hier keine Rechtstipps geben. Bitte besprich dich in jedem Fall mit einem Anwalt bzw. einer Anwältin deines Vertrauens, wenn du dir unsicher bist, was ein Familiengutachten in deiner Situation für dich bedeutet.

Es handelt sich hier allerdings um ein Thema, das immer wieder hochkommt, und mit dem meine Kundinnen und sehr viele Mütter in meiner Facebook-Gruppe früher oder später konfrontiert werden.

Somit gebe ich dir ein paar Gesichtspunkte an die Hand, damit du weißt, worauf du dich einlässt, wenn du einem Familiengutachten zustimmst.

Solltest du das bereits getan haben, dann gebe ich dir weiter unten noch ein paar Tipps, was du tun kannst, um den Termin mit dem Gutachter bestmöglich hinter dich zu bringen.

Außerdem werde ich auf deine Optionen eingehen, die du hast, falls das Gutachten nicht gut für dich ausfallen sollte.

 

Was ist ein Familiengutachten? Warum wird es angeordnet?

Wenn ein Richter nicht genügend Belege hat, die dabei helfen, eine Entscheidung im Verfahren herbeizuführen, werden Sachverständige beauftragt, weitergehende Informationen zu sammeln, die dann den Richter dabei unterstützen, eine Entscheidung treffen zu können.

Ein Familiengutachten soll also eine Hilfe zur Entscheidung sein und nicht die Entscheidung des Richters vorwegnehmen.

Ganz wichtig ist dabei, dass der Richter in seinem Beschluss sehr genau die Fragestellung beschreibt, mit der er den Sachverständigen losschickt, und welchen konkreten Auftrag dieser bekommt. An diesen fest gesteckten Rahmen muss er sich dann auch halten.

Jetzt braucht es aber je nach Auftrag und Fragestellung ganz besondere Kompetenzen und Expertisen des Gutachters. Es kann durchaus sein, dass unterschiedliche Experten zu ganz anderen Schlussfolgerungen beim exakt gleichen Auftrag kommen.

Auch lehnen sich viele Gutachter gern aus dem Fenster und kommen zu psychologischen Fehleinschätzungen, die vom Richter ungeprüft übernommen werden könnten.

Das Risikopotenzial für dich als Mutter mit einem toxischen Kindsvater ist also enorm. 

Wir wissen alle, wie gut sich narzisstische Menschen verkaufen und darstellen können.

Daher gleich vorab meinen ersten Tipp:

Du kannst ein Familiengutachten verweigern, wenn der Richter das als Maßnahme vorschlägt.

Und das darf dir nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Punkt.

Der Richter muss außerdem in der Verhandlung darauf hinweisen, dass ein Familiengutachten für alle Beteiligten freiwillig ist.

Ich habe allerdings schon oft gehört, dass sich Mütter in die Ecke gedrängt und genötigt fühlen, einem Familiengutachten zuzustimmen. Dann kommt der Stress vor Gericht dazu, man will alles nur noch schnell beenden und sagt zu allem Ja und Amen.

Zumal wir als der harmoniebedürftigere Teil in dem hochkonflikthaften Elternpaar überhaupt nicht auf Krawall gebürstet sind.

Wir wissen ja, dass wir nur das Beste für das Kind wollen, also was soll uns da schon passieren?

Vielleicht denkst du aber auch: „Prima, dann wird der Sachverständige endlich offiziell feststellen, dass der Ex hochgradig gestört ist, und alles wird endlich gut. Denn das Gericht wird ja unmöglich einem solchen Menschen das ABR geben?“

Das kann so ziemlich nach hinten losgehen, meine Liebe. Ich würde dir niemals empfehlen, einem Familiengutachten zuzustimmen, wenn das deine Intention sein sollte.

Denn das wird eher dir auf die Füße fallen als deinem Ex. Du sitzt nämlich mit im Boot, wenn du jahrelang mit einem Narzissten zusammengelebt hast. Dann hat er dich quasi „angesteckt“.

Nicht zu unterschätzen ist auch der finanzielle Aspekt. Ein Gutachten kann sich über Monate hinziehen, und das schlägt sich auch auf dein Geldsäckel nieder.

Die Kosten für ein Gutachten tragen nämlich die Eltern zu gleichen Teilen.

Bekommst du Prozesskostenhilfe, dann übernimmt der Staat deinen Anteil. Aber dein Anspruch darauf wird in den ersten Jahren danach immer wieder erneut überprüft – falls sich also etwas an deinem Gehalt verändert, und du keine PKH mehr bekommen würdest, dann wirst du nachträglich zur Kasse gebeten.

Gutachtenkosten von insgesamt 20.000 Euro und darüber sind im Übrigen keine Seltenheit.

 

Gibt es denn gute Gründe, einem Familiengutachten zuzustimmen oder gar das selbst vorzuschlagen?

„Nur, wenn du sonst nix mehr zu verlieren hast,“ meint Carola Wilcke, mit der ich mich zu diesem Thema unterhalten habe. Carola leitet die Löwenmamas-Gruppe auf Facebook, in der solche Gutachten immer mal wieder diskutiert werden.

Will heißen: Die Kinder wurden zuerst dem toxischen Kindsvater zugesprochen und leben dort, und du willst darum kämpfen, dass sie wieder zu dir zurückkommen können.

Leben die Kinder hingegen bei dir, dann solltest du zumindest ein Erziehungsfähigkeitsgutachten deiner Person ablehnen– die Kinder begutachten zu lassen kann dagegen Sinn machen und allein das schon deinen Kooperationswillen unter Beweis stellen.

Aber auch hier gilt: Besprich mit deinem Anwalt die für deine Situation beste Strategie, ob die Kinder überhaupt begutachtet werden müssen.

 

Die besonderen Risiken, die du mit einem Familiengutachten eingehst

  1. Der Gutachter könnte seine Kompetenzen überschreiten, indem er die Kriterien des Kindeswohls selbst definiert.
  2. Fehler und Mängel bei der Begutachtung können gut kaschiert werden – und die Fehlerquote ist enorm. Ein Gutachten kann locker mal 100 Seiten und mehr umfassen, das auf Form- und Verfahrensmängel durchzuarbeiten ist sehr mühselig und auch teuer.
  3. Der Richter könnte die Empfehlung des Gutachters 1:1 im Wortlaut in seinem Urteil übernehmen, was allerdings nicht Sinn der Sache ist. Er muss das Gutachten kritisch hinterfragen und sein abschließendes Urteil transparent formulieren, damit man die Urteilsfindung nachvollziehen kann.
  4. Aber das, was sich als wahres Damoklesschwert zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen kann: Solltest du danach noch Folgeverfahren haben, kann dir dieses Gutachten immer wieder auf die Füße fallen.

 

Mensch – ich habe dem Gutachten im Gerichtssaal zugestimmt – kann ich die nachträglich zurückziehen?

Ja. Vor allem dann, wenn du den Beschluss, dass ein Familiengutachten der nächste Schritt sein soll, in den Händen hältst und die Aufgabenstellung für den Gutachter vollkommen schwammig formuliert ist.

Manchmal steht da sogar etwas davon drin, dass der Gutachter eine rechtliche Expertise abgeben soll – das darf nicht sein, das ist die Aufgabe des Richters!

Ja, da können einem die Haare zu Berge stehen.

 

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Was tun, wenn du morgen den Gutachter vor der Tür stehen hast?

Dann musst du da wohl durch, Sweetheart. Allerdings musst du dir nicht alles gefallen lassen.

Also tief durchschnaufen, das Herz in die Hand nehmen, authentisch bleiben und dich selbst bestmöglich schützen ist die Devise.

 

Was dürfen Gutachter auf keinen Fall?

  • Sie dürfen nicht außerhalb des vorgegebenen Auftrags agieren, also noch andere Aspekte ermitteln. Der Rahmen sollte dir (und dem Gutachter natürlich!) daher so klar wie möglich sein.
  • Sie dürfen keine Untersuchungen durchführen, zu denen sie nicht befähigt sind (wenn z.B. besonderes psychologisches Knowhow erforderlich ist). Daher: frag ruhig nach, welche Qualifikation der Gutachter hat.
  • Sie dürfen die Tatsache, dass du Teile der Begutachtung ablehnst, nicht negativ bewerten, sondern müssen das akzeptieren. Allein das ist schon heikel für uns aufgeregte Mütter.
  • Ein Familiengutachten ist kein Glaubwürdigkeitsgutachten. Wer mit seinen Argumenten recht hat, muss der Richter entscheiden, da darf sich der Gutachter nicht aus dem Fenster lehnen. (Jetzt rate mal, wie oft es passiert, dass sich ein Gutachter als zweiter Richter aufspielt. Bingo – verdammt oft!)

 

Wie verhältst du dich am besten während des Besuchs des Gutachters?

Ich habe von einem Fall gehört, in dem eine Mutter 7 Stunden (!) lang daheim mit den Kindern begutachtet wurde. Und zwar auf eine sehr miese, voreingenommene Art und Weise, so à la „Ach, ich seh schon, so eine Mutter sind Sie!“

Ich hätte mir so etwas eine oder anderthalb Stunden angesehen und hätte den Gutachter dann ruhig und bestimmt zur Tür hinauskomplimentiert.

So etwas musst du dir definitiv nicht gefallen lassen! Im Grundgesetz ist nicht umsonst der Schutz der Persönlichkeitsrechte und das Recht auf informelle Selbstbestimmung verankert, also welche Informationen du von dir preisgibst und was damit passiert!

Ja, du brauchst auch Eier, um bestimmt für dich und dein Kind aufzutreten. Aber das kannst du vorher trainieren.

Informiere dich also gut.

Bereite dich vor.

Du hast das Recht, dich im besten Licht darzustellen. Du musst nicht jeden Schmarrn mitmachen.

Du kannst jemanden dazuholen, der die ganze Zeit über anwesend ist, während du oder das Kind begutachtet werden.

Du darfst auch einzelne psychologische Tests oder Hausbesuche ablehnen.

Wenn das Kind begutachtet werden soll, müssen beide sorgeberechtigten Eltern zustimmen. Und du kannst darauf bestehen, anwesend zu sein, wenn das Kind begutachtet wird.

Kinder müssen darauf hingewiesen werden, dass sie Fragen ablehnen können. Die Haltung des Kindes ist zu respektieren, es darf nicht überredet werden.

Wenn du merkst, dass der Gutachter nicht neutral ist, dann kannst du ihn ablehnen und einen Befangenheitsantrag vor Gericht stellen. Wenn das Gericht dann den Befangenheitsantrag prüft, ist gar nicht ausschlaggebend, ob der Gutachter tatsächlich und nachweislich befangen ist, sondern ob es für den Richter nachvollziehbar ist, dass du das glaubst. Also!

 

Was machst du, wenn das Gutachten mega schlecht für dich ausfällt?

Aber ganz zackig über den Anwalt einen Widerspruch einlegen – du hast zwei Wochen dafür Zeit.

Du lässt dann ein Gegengutachten erstellen (z.B. bei Befangenheit des Gutachters). Das kann sich wiederum gut hinziehen – aber das Gericht darf keinen Beschluss fassen, bis nicht das Gegengutachten entsprechend vom Gericht gewürdigt und geprüft wurde. Also gewinnst du Zeit.

Es gibt Sachverständige, die Gegengutachten verfassen – aber auch da musst du wieder Geld in die Hand nehmen.

Besprich dich hier unbedingt mit deinem Anwalt.

Heißt dagegen ein gutes Gutachten für dich, dass du die Verhandlung schon gewonnen hast?

Ein gutes Gutachten ist leider noch kein Garant dafür, dass du tatsächlich auch das Verfahren gewinnst. Es ist ein Etappenerfolg – mehr nicht.

Prinzipiell gilt – klar – auch für die Gegenseite die Regel von oben, und es kann ein Gegengutachten gefordert werden.

Also halte die Sektflaschen bitte noch zurück – so lange, bis du den finalen Beschluss des Gerichts in den Händen hältst.

 

Fazit

Du siehst, ein Familiengutachten ist durchaus eine sehr heikle Angelegenheit und sollte in den seltensten Fällen (siehe oben) von dir angestrebt werden.

Besprich dich bitte strategisch mit deinem Anwalt und informiere dich gut vorher – ich kann es gar nicht oft genug sagen.

Wenn du merkst, da läuft jetzt was aus dem Ruder, musst du dem Gutachter beherzt und mutig Einhalt gebieten.

Wie die Maus vor der Schlange sitzen zu bleiben und fatalistisch alles mit sich machen zu lassen ist jedenfalls keine Option!

Ich selbst kann dich nicht unterstützen, wenn du im Gutachtenschlamassel schon drin steckst. Aber es gibt diese Hilfe z.B. über Carola Wilckes Löwenmamas-Gruppe auf Facebook.

Wenn du dagegen eine Gerichtsverhandlung vor der Brust hast, in der das ein Thema werden könnte, kann ich dir mit meinem Court Royal Programm helfen, dich darauf mental vorzubereiten, damit es erst gar nicht dazu kommt.

Damit du stark und kraftvoll „Nein, das möchte ich nicht.“ sagen kannst, wenn du gefragt wirst.

 

Hast du schon positive Erfahrungen mit Gutachten gemacht? Dann hinterlasse doch bitte einen Kommentar weiter unten, dann haben auch andere Mütter einen Nutzen davon. Merci!

 

Weitere Informationen und Referenzen

Mit diesem Artikel konnte ich nur die wichtigsten Hauptpunkte dieses komplexen Themas ansprechen. Wenn du dich weiter und detaillierter informieren willst – was ich dir dringend empfehle –  dann hol dir das Buch von Uwe Tewes:  „Psychologie im Familienrecht – zum Nutzen oder Schaden des Kindes?“ (Springer-Verlag), was neben dem Gespräch mit Carola Wilcke für diesen Artikel die Grundlage gewesen ist.

 

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