7. November 2017

Das Wechselmodell als narzisstische Strategie

Sei smart und clever - kein Wechselmodell mit einem Narzissten!

Kann er mir die Kinder wegnehmen?

Mutmaßlich narzisstische Väter schüchtern ihre (Ex-)Partnerinnen immer wieder gerne mit dieser Drohung ein.

In der Regel lautet die Standard-Antwort: Nein.

Damit könnten wir dieses Thema eigentlich schon wieder abschließen, aber ich merke, dir brennt dieses Thema unter den Daumennägeln. War bei mir damals in den ersten zwei Jahren nach der Trennung übrigens auch nicht anders.

Also wenn du kein Drogen- und Alkproblem und dich immer gut um deine Kids gekümmert hast, werden dir die Kinder auch nicht auf Verlangen deines Ex weggenommen werden!

Auch wenn es der eine oder andere hasserfüllte Aggro-Narzi versucht und geschafft haben mag. Solche Fälle sind ein großes Unglück für alle Beteiligten, aber immer noch die Ausnahme.

Der Normalo-Narzisst wählt allerdings eine andere Strategie, und da musst du wirklich aufpassen, denn die ist wirklich stark im Kommen!

Wehre den Anfängen!

Ich war damals sehr bemüht, nach der Trennung kompromissbereit und offen auf die Bedürfnisse Aller zu reagieren. Und fühlte mich mit dieser Haltung sehr liberal und modern.

Nee, ich wollte keinen Streit. Wir waren doch nicht so ein Elternpaar, das sich vor Gericht zerfleischt, und von dem man in den Medien ständig hört – hochkonflikthaft?

Nein, so eine giftige und verbitterte Hexe bin ich nicht!

Geht es dir genauso?

Willkommen im Club – die meisten Frauen, die sich von einem mutmaßlich narzisstischen Partner trennen, sind alles andere als selbstbewusst oder gar auf Krawall gebürstet.

Und lassen liebend gern Fünfe gerade sein. Bloß nicht selbst für Stress sorgen!

Er will im Haus bleiben? Gut, dann ziehe ich aus. Er will die Kinder an zwei Nachmittagen unter der Woche bei mir besuchen? Ok, sollte gehen. Er will das Tafelsilber behalten? Meinetwegen. Zusätzlich soll noch die Oma einen Kindertag unter der Woche bekommen? Hmm. Passt mir zwar nicht so, aber die Kids lieben die Oma, also was soll’s. Er kann mir keinen eigenen Unterhalt zum Kindesunterhalt für die ersten 3 Jahre bezahlen? Stimmt, wäre ja wirklich ganz schön viel, das sehe ich ein. Hauptsache, er bezahlt für die Kinder, ich gehe ja noch Teilzeit arbeiten.

STOP!

Wenn du so denkst, dann wirst du dir spätestens in 2 oder 3 Jahren an den Kopf fassen. Dann, wenn du gefühlsmäßig Abstand gewonnen hast und dir eingestehen musst, dass du selbst eine Menge Fakten geschaffen hast, die dir – und den Kindern – sehr zum Nachteil gereichen.

Die Devise lautet demnach: Du musst nicht gemein werden – sei einfach nur smart!

Über die väterliche Metamorphose

Ich finde es immer wieder interessant, welche Metamorphose bei narzisstischen Männern stattfindet, sobald sie von der Mutter ihrer Kinder verlassen wurden.

Da wird aus der unscheinbaren, hässlichen und langsam dahinkriechenden Raupe, die es sich in ihrem Kokon so richtig heimelig gemacht hat und nichts anderes als die eigene Denke in den Zentrum ihres Seins gestellt hat, ein wundersame Vatergefühle empfindender Schmetterling.

Ist das nicht fantastisch? Ein Wunder der Natur!

Der gleiche Mensch, der die zwei Elternzeitmonate – wenn er überhaupt welche genommen hat – meistens im Hobbykeller steckte oder unterwegs war, empfindet es jetzt als unannehmbare Härte, wenn man ihm die Kinder „wegnimmt“.

Da ist es unerheblich, ob du das tatsächlich vorhast. Irgendwo müssen die Kinder ja schließlich wohnen, und wenn du ausziehst und dein Soon-to-be-Ex hat sich bislang nicht gekümmert oder keinen Deut Verantwortungsgefühl gezeigt, liegt es durchaus nahe, sie in die neue Wohnung mitzunehmen.

Du arbeitest Teilzeit, er Vollzeit – oder ist selbstständig – wie soll es anders auch gehen?

Ha – was glaubst du, was es auf einmal für Möglichkeiten gibt? Vor allem, wenn du die Entscheidung getroffen hast ihn zu verlassen.

Der werd ich’s zeigen! Mich so vor meinen Bekannten und Verwandten bloßzustellen!

Und – oh Wunder! – auf einmal hat der Herr die Zeit! Jede Woche Mittwoch und Donnerstag und Samstag und Sonntag.

Herr Richter, einmal Wechselmodell bitteschön!

Wie gut, dass er dann keinen Unterhalt bezahlen muss. Die soll nicht glauben, dass sie was von meiner sauer verdienten Kohle bekommt! Aber die Kinder sind doch noch so klein… Ach was! Ich bin auch eine Hauptbezugsperson, sie werden sich bei mir schon wohl fühlen. So ein Ammenmärchen mit der frühen Bindung und so eine Glucke!

Mein Tipp für dich: Lass dich nicht aufs Wechselmodell ein, wenn deine Kinder klein sind. Sind sie groß und wollen das wider Erwarten, ist das zwar nochmal was anderes, aber überlege dir trotzdem eine Alternative.

Sei bitte gewarnt: Ein Wechselmodell mit einem Narzissten kann nicht funktionieren. Es muss so viel abgestimmt werden, Ihr habt immer wieder Kontakt miteinander, Ihr müsst Euch immer wieder einigen.

Wechselmodell geht wirklich nur dann, wenn

  1. die Kinder größer sind und es ausdrücklich befürworten (sie opfern für das Hin und Her nämlich einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit und Nerven), UND
  2. wenn Ihr nah beieinander wohnt UND
  3. wenn Ihr Euch noch gut verständigen könnt.

Wenn du nun zuversichtlich nickst, lege ich dir nahe, meinen Test zu machen, mit dem du feststellen kannst, ob du tatsächlich in einer narzisstischen Beziehung gesteckt hast.

Wenn du dich von einem Narzissten getrennt hast, gilt nämlich eine goldene Regel: Abstand, Abstand und nochmals Abstand.

In der Kommunikation. In der räumlichen Nähe. Im Alltag.

Du warst in deiner Beziehung tagtäglich unter Anspannung. Wenn du selbst nach deinem Auszug jeden Tag per Email oder Telefon mit ihm Angelegenheiten des Alltags der Kinder abstimmen musst, kommst du nie zur Ruhe.

Mit dem Wechselmodell hat er nämlich immer noch Kontrolle über dich und dein Leben.

Daher: Kein Wechselmodell mit einem Narzissten. Never ever. Niente.

Das Residenzmodell (die Kinder leben bei dir und besuchen ihren Vater z.B. alle zwei Wochen fürs Wochenende) reicht für ein angemessenes Ärgerpotenzial schon voll und ganz.

Lass dich auch nicht in den ersten Trennungsmonaten versuchshalber darauf ein. Sonst schaffst du schnell Fakten, die er vor Gericht zu seinen Gunsten vorbringen kann.

Die Organisation dahinter

Du fragst dich sicherlich, wie er das Wechselmodell so flugs umsetzen will, wo er doch vorher kaum Zeit hatte, pünktlich zum Abendessen da zu sein?

Natürlich mit Hilfe seiner Mutter.

Die sowieso auch noch eine Rechnung mit dir offen hat. Warum verlässt du überhaupt ihren Goldjungen? Sowas von unverantwortlich! Du hast doch Kinder! Also früher hat man ja die Zähne zusammengebissen und ging durch schlechte Zeiten, aber die jungen Frauen heutzutage denken ja nur an sich selbst…!

So kann es dazu kommen, dass die Kinder am besagten Mittwoch und Donnerstag nachmittags nach der Schule gleich zur Oma gehen müssen, am Freitag wieder bei dir sind und am Samstag und Sonntag beim werten Herrn Papa.

Selbstverständlich steht es jedem Elternteil frei, wie er die Kinderbetreuung während des Umgangs regelt. So willst du später vielleicht auch mal am Samstag auf ein nettes Konzert (oder Date 🙂 ), da bist du selbst froh, wenn dir dein Ex nicht in die Wahl deines Babysitters reinquatscht.

Aber es ist gelinde gesagt ein ziemlicher Hammer, wenn ein Wechselmodell erzwungen und vor Gericht durchgesetzt wird, welches als integralen Bestandteil nicht den fürsorglichen Vater sondern dessen – mutmaßlich ebenfalls narzisstische – Mutter vorsieht!

Außer den beiden Egoisten haben alle zu leiden: Die Kinder, weil sie nur am wandern sind und nicht zur Ruhe kommen und du, weil du mit ihnen leidest und einfach nicht die Verbindung zwischen dir und diesen Energievampiren kappen bzw. auf ein einigermaßen tolerierbares Maß herunterschrauben kannst.

Lass dich also nicht auf irgendwelche Vergleiche und Versuche ein. Bleibe stur.

Fazit: Mach es ihm nicht zu einfach

Ich habe mir sagen lassen, dass Richter dazu tendieren, demjenigen Recht zu geben, der am widerspenstigsten ist. Sie wollen den Fall vom Tisch haben, daran werden sie später beurteilt.

Ja, die Gerichtstermine sind am anstrengendsten und am kräftezehrendsten. Falls du nicht mit dem Typ verheiratet gewesen bist, könnte die Anzahl von Anfang an noch niedrig sein, das ist schon mal ein Vorteil.

Also falls er dir ohne Gerichtstermin – und gleich in den ersten Trennungswochen – mit einer fadenscheinigen Wechselmodell-Vereinbarung daherkommt, die du bitte unterschreiben sollst (und nennt es Versuch oder probeweise oder oder oder), dann lass dich nicht von seiner plötzlichen Nettigkeit einlullen!

Du weißt doch, wie charmant Narzissten sein können – wenn sie wollen!

Wenn er etwas von dir verlangt, und du bist unsicher, dann soll er um Gottes Willen halt einen Gerichtstermin anstrengen. Und du suchst dir eine gute Rechtsanwältin, die sich mit solchen Typen gut auskennt.

Nein, Du bist dann nicht der hochkonflikthafte Elternteil – sondern die beschützende, smarte Mutter, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und für ihre Rechte einsteht.

Du schaffst das!

P.S.: Es gibt übrigens noch ein drittes Modell, das ich lediglich der Vollständigkeit halber hier erwähne: Das Nestmodell. Das ist aber so unüblich und überaus teuer, dass es wohl in den wenigsten Fällen realisierbar ist – und auch nicht mit einem narzisstischen Ex-Partner funktionieren wird.

Beim Nestmodell wandern nicht die Kinder, sondern die Eltern wochen- oder tageweise. Man braucht 3 Wohnungen: Jeweils eine für die Elternteile und eine zentrale Familienwohnung. Im abgestimmten Wechsel wohnen also entweder der Vater oder die Mutter in der Nestwohnung.

Aber allein die Vorstellung, dass der narzisstische Ex vorher in der Wohnung war, sicherlich ein paar Klamotten im Schrank hängen hat und sein Rasierwasserduft noch im Badezimmer in der Luft hängt, dürfte der einen oder anderen Mutter schon einen Schauer über den Rücken jagen und für einen Würgereflex sorgen.

Ja, das Nestmodell wäre das mit Abstand beste für die Kids, aber nur für betuchte Familien, die sich aus irgendwelchen Gründen getrennt haben – aber niemals aus psychopathischen.

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