Brief an die Next

von Feb 14, 2017Alltag leben8 Kommentare

Darf man die Nachfolgerin eigentlich warnen, wenn man mit ihrem Partner schlechte Erfahrungen gemacht hat? Ein ganz klares Nein. Schließlich kann die neue Beziehung sich vollkommen von der vergangenen zwischen Euch unterscheiden – eine andere Persönlichkeit bringt halt einfach auch eine andere Dynamik hinein. Und ja – auch wenn es weh tut – vielleicht passt es nun wirklich viel besser?

Aber was, wenn der Ex ein maligner Narzisst ist? Fällt es dann nicht quasi unter „unterlassener Hilfeleistung“, wenn man die Andere nicht warnt, dass sie geradezu in die Beziehungshölle rennt?

Sei ehrlich – hättest du dir am Anfang einer neuen Beziehung von der Ex deines Partners eine Warnung angehört? Und sie sogar beherzigt? Wohl kaum.

Trotzdem.

Eine meiner Kundinnen hat mich jetzt gebeten, ihren Brief an die Next zu veröffentlichen. Zu ihrem Schutz wurden alle Namen geändert. Wir gehen dabei gar nicht mal davon aus, dass die Person, für die der Brief ursprünglich gedacht war, ihn auch zu sehen bekommt.

Dieser Text soll einerseits betroffenen Frauen in der Rolle der Stiefmutter helfen, falls sie in einer solchen Beziehung gefangen sind und nicht verstehen, was da gerade mit ihnen passiert. Denn das, was meine Kundin da so anschaulich beschreibt, ist durchaus Alltag in einer narzisstischen Beziehung.

Zum anderen war es eine heilende Hausaufgabe für meine Klientin, alles zusammenzuschreiben, was ihr auf der Seele brannte. Aber lies selbst:

Liebe Julia*!

Ja, ich meine es genau so, wie ich es schreibe: Du bist bestimmt eine liebe und warmherzige Frau, also verdienst Du auch diese Anrede.

Du bist die Nachfolgerin von mir an der Seite des Mannes, mit dem ich zwei wunderbare Kinder habe. Ich schreibe Dir diesen offenen Brief, weil ich nicht die Möglichkeit habe, Dich persönlich kennenzulernen.

Ich kenne Dich demnach nicht, und doch habe ich ein Bild von Dir in meinem Kopf. Und Du hast sicherlich auch eins von mir, wobei ich mir nicht so sicher bin, ob Deine Vision von mir realistischer ist als die, die ich von Dir habe. Zu kompliziert? Kommt das zu rechthaberisch rüber? Wahrscheinlich. Aber schau doch mal, wie viel Du abnicken kannst:

  • Du hast in Deinem Leben schon einiges durchgemacht, bist durch Krisen gegangen, hast Dich aber immer irgendwie aufgerappelt;
  • Du bist eine durch und durch empathische Person;
  • Du magst Kinder sehr, hast aber keine eigenen, was Du sehr, sehr bedauerst. Und Du bist jetzt in einem Alter, in dem Du das Thema leider abhaken musst;
  • Deinen Job stemmst Du ganz gut, Du bist bei Kollegen und Vorgesetzten anerkannt;
  • Du siehst gut aus, aber irgendeinen körperlichen bzw. äußeren Makel hast Du, der Dir selbst am meisten zusetzt.

Das sind alles Vermutungen von meiner Seite. Was ich von Dir weiß, ist, dass Du gut backen und kochen kannst – manchmal sogar besser als ich! – Tiere magst und meine Kinder Dich mögen. Das sind in meinen Augen schon mal ganz dicke, große Pluspunkte für Dich. Und nein, ich bin nicht Deine Feindin oder will Dir mit diesem Brief etwas Böses.

Ganz im Gegenteil.

Ich habe mich oft gefragt, warum der Ex selbst mit seiner Historie immer wieder neue Freundinnen für sich gewinnen kann. Ich selbst bilde mir ein, dass bei mir dann alle roten Lampen sofort angehen und ich die Beine in die Hand nehmen würde.

Aber ach – in den ersten drei/vier Monaten unserer Beziehung sind bei mir auch ein paar Leuchten angegangen, aber ich habe mir damals gedacht: „Dieser Mann ist echt der Teufel! Mein Leben war bislang so langweilig! Mit ihm werde ich eine aufregende Zeit erleben, er wird mir Dinge zeigen, die ich sonst nie erleben werde. Ein Abenteuer erwartet mich!“

Wie wahr!

Ich habe immer gesagt, dass ich sehenden Auges in mein Unglück gerannt bin. Und ich übernehme die volle Verantwortung für mein damaliges Handeln.

Glaubst Du wirklich, dass sich Liebe so anfühlen muss?

Du bist jetzt seit zwei Jahren mit dem Ex zusammen. Da dürftest Du folgende Situationen schon sehr gut kennen:

Die ersten sechs Monate waren hinreißend, überschäumend, auf einem scheinbar immerwährenden Höhenflug. Was hat er Dich umworben und umgarnt! Das hat sich mittlerweile gelegt, der Mann wird immer launischer und bricht aus nichtigen Anlässen ständig einen Streit vom Zaun. Du ertappst Dich mittlerweile dabei, wie Du nur noch auf Zehenspitzen auftrittst, einfach, weil Du keine Energie mehr auf fruchtlose Diskussionen verschwenden möchtest.

Die Launen werden immer unberechenbarer. Du weißt am Montag nicht, wie die Woche enden wird.

Es gibt keine innigen Seelengespräche zwischen Euch. Sofern es sich um seine Sorgen und Probleme dreht und Du darauf eingehst, ist alles ok. Wenn Du Sorgen hast, werden sie mit einer Handbewegung und genervtem Blick vom Tisch gefegt. Lappalien.

Falls Ihr mal einen schönen Abend hattet, findest Du Dich am nächsten Morgen mit einem unerklärlichen Stimmungswandel konfrontiert. Du bemühst Dich nach Kräften, das aufzulösen. Und nimmst Dich mehr und mehr zurück.

Wenn Ihr was unternehmt, dann ist es interessant zu schauen, zu wem es geht: Bei seinen Verwandten oder seinen Freunden ist es immer lustig, geht Ihr zu Deinen Freunden, wird aus dem Partyclown unerklärlicherweise ein Muffelkopf, der kaum den Mund aufkriegt, so dass ständig unangenehme Gesprächspausen entstehen.

Die Wochenenden werden auf Wochen im Voraus zugeplant, zu 95% nach seinen Vorlieben. Ein Wochenende nur für Euch zwei allein? Selten.

Die Launen sind das eine. Und sicherlich sehr unschön, weil so schwer abzuschätzen. Richtig gefährlich wird es, wenn er anfängt, Dich und Deinen Selbstwert zu manipulieren.

Dazu werden gerne die Kinder hergenommen.

 

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Kennst Du das schon?

Wenn die Kinder da sind, bist du abgemeldet? Du „darfst“ vielleicht kochen oder backen, aber wenn er mit den Kindern etwas machen will, bist Du für Stunden abgemeldet.

Ist ein Kind frech zu Dir und Du willst es nicht durchgehen lassen, also sagst Du etwas – und kriegst daraufhin eine heftige Ansage mit maßlosen Vorwürfen oder gar derben Verletzungen von ihm?

Das ist jetzt übrigens ein ziemlich waghalsiges Thema, dessen bin ich mir bewusst. Welche Mutter will, dass ihre Kinder von der Neuen angepflaumt werden? Das ist ja auch mega subtiles Spiel – und was will frau da entgegnen können?

Wenn Kinder eine persönliche Grenze beim Anderen überschreiten, dann müssen sie das gesagt bekommen. Im Ton höflich, aber bestimmt. Wenn aber die Frau in den Augen des Mannes ihre Grenzen so nicht schützen darf – und dieser auch selbst den Job nicht übernimmt und die Kinder zurechtweist – dann ist das eine zutiefst demütigende Erfahrung.

Das Schlimme daran: Die Kinder merken, wer der Schwächere ist, und bekommen das Gefühl vermittelt, sie dürften das. Und benehmen sich immer häufiger ausfallend und tyrannisch. Sie machen das selbst nicht bewusst und absichtlich – sie selbst werden benutzt als eine Art Angriffsschild. Ja, ich gehe sogar so weit und sage: Sie werden als Waffe missbraucht und aufs Gröbste manipuliert.

Das Ende vom Lied: Die Wut und die Hilflosigkeit wachsen, und irgendwann kann man es nicht mehr kaschieren. Und wird schneller zur „Bösen“ als frau gucken kann. Unbeteiligte stehen dann daneben und denken sich „Was für eine Furie!“ oder „Was für eine unsympathische Hexe!“, und Du selbst erkennst Dich auch nicht wieder.

Ist das bei Dir auch schon so? Wie fühlst Du Dich, wenn die Kinder da sind? Wie behandelt Dich der Mann?

Hörst Du auch Sätze wie „Du hast keine eigenen Kinder, woher willst Du das wissen?“ Wenn ja, wie oft?

Wie oft verletzt er Dich dafür, dass Du keine Kinder hast?

 

Glaubst Du wirklich, dass sich Liebe so anfühlen muss?

Wie läuft es eigentlich mit Cordula*, seiner Mutter? Ist Dir auch schon aufgefallen, wie abschätzig er über seine Mutter redet, und was sie ihm alles in seiner Kindheit angetan hat, aber sie geht trotzdem bei Euch ein und aus und ist wirklich immer da, wenn die Kinder auch da sind? Ist Dir schon aufgefallen, dass ihr jegliche Wärme und positive Ausstrahlung fehlen? Du kannst es nicht in Worte fassen, aber Du fühlst Dich total unwohl in ihrer Gegenwart?

Hast Du auch schon die eine oder andere spitze Bemerkung abbekommen? Tust Du das noch ab mit „war ja nicht so schlimm, wahrscheinlich bin ich nur an dem Tag sehr empfindlich gewesen“ oder gehst Du schon in Deckung, wenn sie nur den Mund aufmacht? Weil da so viele hässliche Kröten herauskommen können?

Falls Du schon mit deinem Freund darüber gesprochen hast, dass Du nicht mehr so oft seine Mutter sehen willst und sie Dich verletzt – wie hat er da reagiert? Hat er Deine Gefühle ernst genommen? Weist er seine Mutter in ihre Grenzen, wenn sie in seiner Gegenwart etwas Gemeines zu Dir sagt? Oder lacht er sogar und meint, dass sie das ja nicht so gemeint hätte und Du überreagierst? Du solltest Dich nicht so anstellen, so sei sie nun mal, ändern wird sie sich nie?

Wer, glaubst Du, steht höher in der Nahrungskette – Du oder die Mutter? Du oder seine Freunde? Du oder die Kollegin? Du oder der Nachbar? Du – oder der Postbote? Wer bekommt die Priorität?

Ja, die Kinder sollten schon höher stehen als Du – dafür bin ich Mama – und darüber wird sich nie jemand wirklich echauffieren wollen, ohne als Saubär dazustehen. Aber genau das wird Dir immer wieder unter die Nase gerieben. Nicht, weil er das wirklich so fühlt – sondern weil er Dich immer wieder in die Spur bringen will.

Du klein – ich groß.

Sagt er Dir, dass er Dich liebt – aber Du hast manchmal das Gefühl, er mag Dich gar nicht? Deine Freunde sind nachsichtiger mit Deinen Schwächen als er? Fühlst Du Dich oft von oben herab gerichtet, verurteilt und in Grund und Boden geredet?

Wenn er Dir wegen irgendwas Vorwürfe macht, denkst Du dann oft: „Hey, das stimmt doch gar nicht! Das ist doch eher seine Macke?!“

Wundere Dich nicht – das ist Projektion. Du bist quasi sein Spiegel. Wenn er viel lügt, wirst Du die Lügnerin sein. Wenn er einen Fehler begeht, wird es Dein Fehler sein. Versuche nicht, das zu verstehen oder zu rationalisieren. Es ist vollkommen sinnlos.

 

Glaubst Du wirklich, dass sich Liebe so anfühlen muss?

Heute, nach zwei Jahren, wie würdest Du Dein aktuelles Energielevel auf einer Skala von 1 (nicht vorhanden) bis 10 (Boah – ist das Leben geil!) einschätzen?

Wie war Dein Level, bevor Du den Mann kennengelernt hast?

Auch das braucht Dich nicht mehr zu wundern. Er braucht das Gefühl von Aufmerksamkeit, Macht und Kontrolle über die Gefühlsstadien seiner Umgebung, um seine Batterien aufzuladen. Am Anfang Eurer Beziehung, als Du noch voller Bewunderung an seinen Lippen hingst und die ewiggleichen Geschichten immer und immer wieder anhören musstest, hast Du ihn im Positiven gefüttert. Wenn er nun aber Deine Bewunderung nicht mehr täglich zu spüren bekommt, holt er sich seine Energie über Streitigkeiten und Allmachtsgefühle aus den negativen Emotionen seiner Opfer.

Nun ja, immerhin hat er auch noch eine andere Quelle für stetige Energieversorgung: Mich.

Um eine Sache beneide ich Dich. Nein, noch nicht zur Gänze heute – aber wenn Du gehst, kannst Du Dich tatsächlich komplett lösen, ohne Dich einmal umzuschauen. Du kannst Deine geschundene Seele heilen, Dir dafür alle Zeit nehmen und Dich langsam dazu aufmachen, einen Mann kennenzulernen, der Dir gut tut, Dir freundlich gesonnen ist und Dein wahres, inneres Selbst wertschätzt.

Du hast die Möglichkeit, nie wieder in Kontakt mit diesem Mann treten zu müssen. So wie es alle anderen Frauen vor mir auch getan haben. Habt Ihr es gut!

Ich habe zwei Kinder mit ihm. Noch behauptet er, dass er sie liebt und hebt sie in den Himmel (am liebsten vor Zuschauern). Aber tut er das wirklich? Erkennt er wirklich die anderen Persönlichkeiten? Oder geht es doch eher nur ums Posing? So lange die Kinder alles machen, was man ihnen sagt, und dem Vater zur Ehre gereichen, ist alles ok.

Die Kinder selbst jedenfalls lieben den Vater abgöttisch und bewundern ihn. Noch.

Wie wird das aber in der Pubertät, wenn die Kinder wie alle ordentlichen Jugendlichen die Eltern in Frage stellen? Spätestens dann wird es richtig heftig, und ich zerbreche mir den Kopf, wie ich die Kinder davor schützen kann. Aber mir werden wohl die Hände gebunden sein.

Eine Mutter kann ihre Kinder nicht vor dem Vater schützen.

Vielleicht wenn er Schläger wäre oder Alkoholiker oder ein verurteilter Verbrecher. Aber vor einem offensichtlich normalen Angestellten mit Charme und Bildung, der seine Familie „nur“ emotional aufs Schlimmste missbraucht? Vergiss es.

Dein Mann versteht es, seine Umgebung verrückt zu machen und richtig austicken zu lassen. Also wundere Dich bitte nicht über seltsame, bizarre Situationen bei der Kinderübergabe, über die man eigentlich nur den Kopf schütteln kann.

Verurteile bitte nicht mich. Ich bitte andere Institutionen wie das Jugendamt und das Gericht um Zuspruch und Beistand in den Machtdiskussionen mit dem Vater, aber pralle ab an der aalglatten Geschicklichkeit, mit der sich der Mann vor Behörden – die er eigentlich verachtet – geriert.

Ja, ich habe mein Abenteuer bekommen. Dass es so schlimm werden könnte, hätte ich nie für möglich gehalten.

 

*Alle Namen sind frei erfunden

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