Über die Kunst, vor der Trennung gelassen mit Rat von Freunden und Eltern umzugehen

von Apr 11, 20161. Trennungsjahr0 Kommentare

Hast du ganz frisch deine Entscheidung zur Trennung gefällt? Und – läuft der Hörer schon heiß?

Ich kenne das selbst sehr gut aus den Tagen und Wochen nach der Trennungsentscheidung. Das Mitteilungsbedürfnis wächst proportional zur emotionalen Spannung.  Allerdings wird man in dieser sensiblen Phase auch sehr oft mit Warnungen und echten Horrorszenarien in Form von gut gemeinten Rat-Schlägen überschüttet. Und die können einen ganz schön verrückt machen!

 

Dabei ist dieser Rat-Gebe-Mechanismus sehr verständlich:

Die Menschen, die dich lieben, wollen dir natürlich helfen und dich schützen. Aber nur allzu oft geht den Lieben der Gaul durch, und es wird – oft auch vollkommen unbeabsichtigt – ein Horrorszenario nach dem anderen entworfen. Denn schließlich kennt jeder mindestens ein Paar aus dem Bekanntenkreis, wo es so richtig schlimm abgelaufen ist.

“Pass nur auf, dass dir nicht dasselbe passiert!” ist dann ein häufig gegebener Rat.

Und eh‘ man sich selbst versieht, hat man lauter hässliche Gedanken und Fantasien im Kopf.

Nach einem solchen Gespräch ist man oft vollkommen aufgeregt und fühlt sich richtig mies, weil man eine Woge schlimmer Situationen auf sich zuwalzen sieht.

Ich möchte an dieser Stelle nicht die möglichen Szenarien auflisten (nachher ist noch etwas dabei, was deine Rat-Geber noch nicht erwähnt haben), aber bevor wir uns damit beschäftigen, wie du mit einer solchen Situation umgehen kannst, ist es Zeit für einen kleinen Einschub:

Du kennst vielleicht die Geschichte vom geliehenen Hammer von Paul Watzlawick:

Ein Mann braucht einen Hammer, um ein Bild aufzuhängen. Er überlegt, seinen Nachbarn zu fragen, ob er ihm seinen Hammer ausleihen könnte. Aber der hat ihn am Vortag nur so flüchtig begrüßt, der gibt ihm den Hammer bestimmt nicht, weil er ja offensichtlich was gegen ihn haben muss. Die negative Gedankenspirale geht immer weiter, bis er am Ende vollkommen erbost zum Nachbarn rüberstürmt, klingelt, und ihn ohne Guten Tag gleich anraunzt: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

Du siehst, worauf ich hinaus will, oder? In diesem Beispiel geht es zwar “nur” darum, wie man sich selbst mit negativen Gedanken das Leben zur Hölle machen kann – in einem Gespräch mit Freunden oder Eltern können das andere gleich mit erledigen oder gar verstärken.

Wenn du also nach einem solchen Gespräch den Hörer auflegst und viel aufgeregter oder auch gelähmter bist als vor dem Gespräch, ist das schon mal ein wichtiges Indiz.

Es besteht nämlich die große Gefahr, dass du dich – durch diese Fantasien beflügelt – so richtig hineinsteigerst und deinem / deiner Soon-to-be-Ex Dinge unterstellst, die ihm oder ihr derzeit nicht im Traum einfallen würden. Wenn du jetzt nicht höllisch aufpasst, befindest du dich schneller in einer Hass- und Wutspirale, als du gucken kannst.

Und dein baldiger Ex-Partner kann gar nicht anders als gleichfalls auf diesen Wutzug zu springen. Warum sollte er oder sie auch alles im Raum stehen lassen, als ob es Fakten wären? Man muss sich doch wehren?

Am Ende weiß keiner mehr, wer “angefangen” hat. Ist dann auch schon egal – das Porzellan ist schließlich schon zerdeppert.

Willst du dich nicht in diese Spirale hineinziehen lassen? Möchtest du aktiv die Entscheidung treffen, diese Trennung von deiner Seite so friedlich wie nur möglich durchzuziehen?

Wenn du jetzt nickst, lade ich dich auf eine Übung ein, die du für dich machen kannst, wenn du nach solcherlei Gesprächen mit Freunden oder Eltern besonders verunsichert bist.

  • Schreibe auf: Welcher Typ Mensch ist dein Soon-to-be-Ex? In wen hast du dich damals verliebt? Lass dabei alles weg, was er/sie in den letzten Jahren Eurer Beziehung gemacht oder angestellt hat und was letztlich zu Eurer Trennung geführt hat. Welche Eigenschaften haben dich damals so besonders angezogen? Welche Werte waren und sind ihm oder ihr immer noch wichtig?
  • Auf dieser Basis geh jetzt noch einen Schritt weiter: Stell dir vor, die Trennung liegt schon ein Jahr hinter dir. Wie sieht deine Wunsch-Begegnung zwischen dir und deinem/r Ex aus? Wie wünschst du dir, miteinander reden zu können?
  • Du kannst dir außerdem einen Satz überlegen, der deine Vorstellung prägnant erfasst, und den du dir – quasi als positives Mantra – immer dann sagen kannst, wenn die Emotionen hochkochen wollen.
    • z.B. Ich vertraue darauf, dass wir eine gute Elternbeziehung hinkriegen werden.
    • oder Ich werde ganz bestimmt nicht in den Wutzug (die Wutspirale) einsteigen.
    • oder positiver formuliert: Ich will heute Frieden. (Wenn du dir diesen Satz täglich mehrmals vorsagst, ist das ganz besonders clever 🙂 )
    • Und wie lautet dein persönlicher Satz?

 

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Wenn du diese Übung gemacht hast wirst du besser einschätzen können, welche Szenarien, die deine Freunde oder Eltern schon orakelt haben, wirklich vollkommen unrealistisch sind.

Wichtig ist, dass du dir klar machst, dass du es selbst in der Macht hast, deine Gedanken zu lenken. Und dass du dein Tun und Handeln darauf ausrichten kannst.

Für das nächste Gespräch mit deinen Freunden und Eltern bist du jetzt besser gewappnet und kannst signalisieren, was du anstelle von Rat-Schlägen jetzt wirklich brauchst:

  • Bitte doch deinen Gesprächspartner, einfach nur zuzuhören, wenn du vom aktuellen Stress mit dem Ex erzählen musst, weil du das sonst mit keinem anderen teilen kannst. Manchmal ist ein offenes Ohr 1000x tröstlicher als der beste „Ratschlag“.
  • Oder frage nach ganz pragmatischen Tipps: Wie finde ich jetzt schnellstmöglich eine neue Wohnung? Welche Behördengänge muss ich unternehmen? Kennst du einen guten Bankberater?
  • Vergiss auch nicht: Freunde sind happy, wenn sie die Möglichkeit bekommen, dir in der Krise zu helfen. Was spricht also dagegen, sie konkret um etwas zu bitten wie z.B. „Kann ich evtl. bei dir unterkommen, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe?“ oder auch „Kannst du mir beim Auszug helfen?“

 

Mache deinen Freunden und Eltern bewusst, dass irgendwelche Ratschläge auf Basis von Fantasie- oder Horrorgeschichten nicht hilfreich sind. Und dass Eure Trennung sowieso einzigartig werden wird, weil Ihr eine ganz andere Konstellation habt als die anderen Paare, von denen man schon gehört hat.

Wenn du mit dieser Einstellung in die nächste Trennungsphase kommst, hast du schon die halbe Miete gewonnen.

Ich wünsche dir von Herzen für diese anstrengende Zeit viel Kraft und Zuversicht!

Ich freue mich übrigens auf deinen Kommentar weiter unten, falls du das ähnlich – oder komplett anders siehst!

Heidi

 

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