Warum zum Streiten eben nicht zwei gehören

Okt 26, 2018 | 10 Kommentare

Dieser Artikel ist für Sie, liebe/r Außenstehende/r.

Für die Familienmitglieder und nicht so engen Freunde der Mutter, für die Nachbarn, die Lehrerinnen und Erzieherinnen der Kinder, für die RichterInnen, die Jugendamts-MitarbeiterInnen und ja, auch für die Verfahrensbeistände, die die Interessen der Kinder vor Gericht vertreten sollen.

Dieser Artikel ist auch für die Next vom Ex und für alle unbeteiligten Gelangweilten da draußen, die in den sozialen Medien so viel Verständnis für die armen Väter aufbringen und gnadenlos jeden mütterfreundlichen Kommentar in Grund und Boden rammen.

Ich bin Coach für Mütter mit toxischen Ex-Partnern. Als ich Anfang 2017 angefangen habe, mich auf diese vermeintlich kleine Gruppe von Frauen zu spezialisieren, nannte ich die Ex-Partner noch „schwierig“. Das ist mir aber mittlerweile zu schönfärberisch.

Mit dem Begriff „toxisch“ meine ich vor allem die Männer mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, aber es könnte ebenso eine Borderline-Störung sein. Oder was auch immer. Es ist mir egal, ob diese Männer diesbezüglich schon offiziell getestet wurden.

Weil sie das in der Regel nicht sind. Weil sie sich kaum testen lassen.

Zum Wahnwitz einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung – zu der es mehrere Abstufungen gibt – gehört es vor allem, sich selbst für unfehlbar zu halten. Und wer, wenn schon unfehlbar, hat es überhaupt nötig, sich einem Test zu unterziehen, der eventuell bestätigen könnte, dass etwas Gravierendes nicht mit einem stimmt?

Aus diesem Grunde gibt es ja auch kaum verlässliche Studien über das tatsächliche Ausmaß.

Es gibt eine Aussage, dass 1 – 5% der weltweiten Bevölkerung eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben sollen.

Ich persönlich glaube das ja nicht. Ich denke da eher an 20% und aufwärts, aber vielleicht ist das ja auch nur meine Filterblase, in der ich lebe.

Toxische Menschen haben jedenfalls immense Auswirkungen auf die emotionale Verfassung ihrer unmittelbaren Umgebung.

Ein toxischer Chef ist schon eine ungeheure Belastung. Ein toxischer Nachbar sorgt für Freizeitstress und raubt ein behagliches Zuhause.

Ein toxischer (Ex-) Partner dagegen ist die Hölle.

Daher ist es egal, welche Störung genau der Ex einer meiner Kundinnen hat. Die Auswirkungen sind alle ähnlich, und ich helfe den Müttern, mit den aktuellen, oft vergifteten Lebensumständen umgehen zu lernen und wieder in ihre Stärke zurückzufinden.

Ich bin keine Therapeutin und keine Psychologin. Ich muss es daher auch nicht wissen, ob der Ex meiner Kundin definitiv eine narzisstische Persönlichkeit hat.

Ich will ja schließlich nicht ihn kurieren, sondern ich will mit meiner Kundin zusammen erarbeiten, wie sie sich zukünftig selbst besser mental vor seinen Angriffen schützen kann.

 

Wie laufen toxische Beziehungen klassischerweise ab?

In der Regel leben die Paare vor der Trennung das klassische Ernährermodell: Er arbeitet – nicht selten in einer arrivierten Position – und sie kümmert sich maßgeblich um die Kinder und den Haushalt. Sie hat bestenfalls eine Teilzeitstelle.

Nach außen hin wirkt die Familie nicht selten wie aus dem Bilderbuch.

Innen sieht es ganz anders aus.

Der Alltag in der Familie dreht sich darum, was der Papa will und fordert. Er ist mehr weg als präsent. Immer wieder Überstunden – nicht, weil er sie leisten müsste, sondern weil er sie lieber leisten will als zu Hause Kindergeschrei ertragen zu müssen.

Er betrügt die Frau – nicht nur einmal. Kommt sie dahinter, leugnet er es nicht einmal, aber er macht ihr auch klar, dass das doch ein gutes Arrangement ist: Sie hat noch die Familie und den Status der Frau und Partnerin eines angesehenen Mitglieds der Gesellschaft, und er hat seinen außerhäusigen Spaß.

Und sowieso – wenn sie gehen sollte, bleiben die Kinder da.

Die Kinder werden auch schon mal am Schlafittchen gepackt oder gestoßen, wenn sie nicht so tun wie er es will.

Die Mutter wird über die Zeit ihrer Ehe immer unsicherer. Sie lässt sich gehen – sie wird entweder zu dünn oder zu dick. Der Mann hat nur noch abschätzige Worte für sie und zieht im Kreise von Familie und Freunden über sie her („sei nicht so empfindlich – ist doch nur ein Scherz!“).

Will sie das Wort ergreifen, unterbricht er sie oder äfft sie nach, wenn sie einen Fehler macht.

Überhaupt: sie kann nur noch Fehler machen. Laserscharf mokiert er sich über jedes falsche Wort und jeden falschen Ton, den sie von sich gibt.

Manche hauen auch zu – vor den Augen der Kinder. Aber nicht alle. Der abschätzige Blick, die verbale Gelangweiltheit, das Desinteresse und die anstrengende Selbstzentriertheit und Anforderungshaltung sind emotionaler Stress genug für die Frau.

Wegen allem und nichts gibt es Streit. Der Mann gibt der Frau immer mehr das Gefühl, dass sie schuld ist. Sie hat den Sex mit ihm verweigert – also ist sie schuld, dass er zu einer anderen Frau geht.

Sie hat ihm morgens nicht gesagt, dass er ein toller Hecht ist – und der Tag, allerspätestens bei seiner Rückkehr von der Arbeit wird die Hölle. Er spricht dann kein Wort, zieht sich gleich zurück und ist nicht mehr erreichbar.

Also sorgt sie tunlichst dafür, immer artiger zu werden und alles zu tun, was er verlangt, damit zumindest dieser eine Tag gut wird.

Sie wird immer mehr zum Schatten ihres Selbst.

Mütter, die trotz allem den Mut aufraffen und den toxischen Partner mit den Kindern irgendwann einmal verlassen, finden sich später nicht selten einem unfassbaren Krieg vor Gericht ausgesetzt.

Bindungsintolerante Mütter?

Auch so ein nettes Killerargument. Gerne wird die Keule der Bindungsintoleranz der Mutter (also der fehlenden Bereitschaft, die Bindung der Kinder an den Vater zu tolerieren) vor Gericht geschwungen.

Die Wahrheit könnte nicht weiter entfernt sein.

Die Mehrzahl dieser Mütter mit einem narzisstischen Ex-Partner lassen mehr als Fünfe gerade stehen nachdem sie ausgezogen sind. Um damit nicht – weil sie es schon ahnen – seinen unbändigen Zorn heraufzubeschwören.

Sie ziehen extra in die Nähe, um damit zu dokumentieren, dass sie die Vater-Kind-Beziehung weiter aufrechterhalten wollen.

Sie erlauben Umgänge des Vaters mit dem Kleinkind in ihrer neuen Wohnung, die eigentlich ihr Schutzraum sein sollte.

Sie lassen sich auf ein Wechselmodell auf Probe ein, wenn der Ex diesen Vorschlag nach der Trennung macht und sie noch nicht umreißen können, worauf sie sich da eigentlich einlassen.

Diese Mütter sind oft extrem harmoniesüchtig. Den meisten Bitten kommen sie nach, lassen die Möbel und das Auto zurück oder erlassen ihm sogar seine Schulden, die er im Laufe der Zeit bei ihnen gemacht hat. Oder sind bereit, auf einen Anwalt zu verzichten, weil sie glauben, damit noch größeres Unheil zu vermeiden. (Fataler Fehler, übrigens)

Sie wünschen sich nichts sehnlicher als aller Welt zu zeigen: Schaut her, ich tue alles, damit wir in Frieden gute, getrennte Eltern sein können!

Aber es hilft alles nix.

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Wenn es zum Gerichtsprozess mit dem toxischen Ex-Partner kommt

Hatte ich schon erwähnt, dass toxische Männer durchaus gute Positionen im Geschäft oder in der Gesellschaft einnehmen? Sogar prominent sein können?

Sie sind sehr oft hervorragende Redner – von nix kommt halt auch nix – und nutzen den Gerichtssaal gern als Bühne, um sich als Opfer von der Ex-Frau darzustellen.

Witzig, oder? Gerade die, die so bestimmt und fordernd auftreten, sehen sich als Opfer einer behütenden Mutter, die versucht, ihre Kinder bedürfnisorientiert aufwachsen zu lassen.

Da wird von ihm ein Bild der gluckenhaften Mutter gezeichnet, die alles getan hat, um ihn beispielsweise daran zu hindern, dass er die Kinder selbst abends ins Bett bringen durfte.

Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Geht übrigens ganz prima vor dem Familiengericht. Dort braucht es keine Zeugen und die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen. So what?

Außerdem ist es wichtig zu wissen, dass eine narzisstische Persönlichkeit projiziert. Da wird die Mutter zu derjenigen, die die Kinder entfremden will. Oder die die Kommunikation erschwert. Oder die die Kinder manipuliert oder gar schlägt.

Dabei sind sie es selbst. Ich habe Fälle kennengelernt, in denen die Väter, nachdem ihnen vom Gericht das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder zugesprochen wurde, alles daran setzen, um Umgänge mit der Mutter zu vereiteln. Ja, Sie mögen ungläubig gucken, aber es gibt sie in der Tat: rachsüchtige und bindungsintolerante Väter.

Aber wer so gut reden kann, der muss doch Recht haben?

Am Ende wird vor dem Familiengericht das Klischee der emotional labilen und gluckenden Mutter bedient.

Die Mutter steht wie vom Donnerschlag gerührt, beginnt, sich hilflos zu rechtfertigen und sieht sich ohnmächtig außerstande, die Lügen zu entkräften.

Sie sieht die Anderen, wie sie verständnisvoll mit dem Kopf nicken. Sie darf sich dann anhören, dass der Vater seine Kinder regelmäßig sehen will und dass das toll ist und es nun gerecht zugehen muss.

Zu diesem Zeitpunkt geht es übrigens schon nicht mehr um die Kinder.

Es geht um Macht und Kontrolle über die Mutter.

Ich hoffe, dass Sie verstehen: Diese Mütter brauchen unbedingt Ihr Verständnis und Ihre Unterstützung – und nicht auch noch von Ihnen einen weiteren Schuss vor den Bug!

Was sie bestimmt nicht brauchen ist dieser Spruch von Ihnen:

„Zum Streiten gehören immer noch zwei!“

Ach komm, geh wech!

Wer jemals mit einem narzisstischen, toxischen Menschen zu tun gehabt hatte – sei es geschäftlich, sei es in der Familie, sei es in einer Liebesbeziehung – der weiß, dass auch einer allein wunderbar für Streit bis hin zum Krieg sorgen kann!

Und wehe uns, wenn so einer an die Macht und Spitze eines Landes kommt… Soll ich Beispiele aufzählen oder möchten Sie doch lieber selbst nachher die Tagesschau gucken?

Die Auswirkungen

Diejenigen, die mittendrin stehen in dem Wahnsinn, sind die Kinder.

Wer soll die Kinder bitte vor den toxischen Vätern beschützen wenn nicht die Mütter?

Die Familiengerichte und Jugendämter tun das schon mal nicht.

Dieser Schutz muss ja gar nicht mal so aussehen, dass die Kinder gar keinen Umgang mehr mit dem Vater haben sollen! In der Regel sind diese Mütter durchaus an einem guten Umgangskonzept interessiert und haben Vorschläge dazu bereits vorgelegt.

Aber wie soll sich denn Ihrer Meinung nach eine Mutter verhalten, wenn die Kinder nicht nach dem Umgangswochenende vom Vater zurückgebracht werden oder diejenigen, die vor dem Vater davonlaufen, weil sie nicht das Wochenende mit ihm verbringen wollen, einfach ins Auto gezerrt werden?

Machen das gute Väter?

Solche Männer brauchen eindeutige Grenzen. Von den Gerichten und von der Gesellschaft. Ein solches Verhalten darf nicht länger toleriert und mit einem Handwisch vom Tisch gefegt werden.

Daher meine Bitte an Sie, liebe/r Außenstehende/r:

Überlegen Sie mal selbst, wer in Ihrer Vergangenheit für großen Streit gesorgt hat. Sie sahen sich allein außerstande, den Zwist gütlich zu klären, obwohl Sie alles versucht und unternommen haben. Ja, obwohl Sie eine Ausbildung zum Mediator gemacht haben und Ihre eigenen Tools nicht anwenden konnten!

Der Andere bleibt uneinsichtig und wiederholt stereotyp irgendwelche Behauptungen, die überhaupt nicht stimmen. Selbst wenn er dann irgendwann mal kooperativ schien und Sie sich mit ihm auf eine Lösung geeinigt haben, mussten Sie kurze Zeit später wieder feststellen, dass er doch wieder alles so wie früher macht.

Mit so einem war Ihre Tochter / Freundin / Begutachtungspartei zusammen.

Ich kann Ihnen versichern, dass sie nichts anderes sehnlicher herbeiwünscht als endlich ihre Ruhe vor Gerichtsprozessen, Anwaltsbriefen oder bösen Emails und Anrufen mit derben Drohungen zu haben!

Für diese Mutter ist die ganze Situation ein scheinbar niemals endender Alptraum.

Und kommen Sie mir bitte nicht mit: „Die haben sich doch mal geliebt!“ oder „Selbst schuld! Wenn der Typ so ein Arsch ist, wieso hat sie dann ein oder sogar mehrere Kinder gezeugt?“ oder „Warum war sie dann so lange mit ihm zusammen?“

Jeder, der so einen Satz einer betroffenen Mutter ins Gesicht sagt, trägt zur weiteren emotionalen Einschüchterung bei – diese Sätze wirft sie sich ja selbst immer wieder vor und kann es nicht begreifen. Dabei kann das Erwachen durchaus Jahre dauern, und lange Zeit hoffen die Mütter, dass sich alles zum Guten wendet. Und gehen mit dem Partner zur Paartherapie. Sie halten extra lange aus – gerade wegen den Kindern und weil sie die Familie nicht leichtfertig aufgeben wollen.

Aber ganz unter uns: Wie sollen sich denn Mütter, die aktuell noch in einer solchen toxischen Beziehung leben, überhaupt ermutigt fühlen früher zu gehen, wenn sie mitbekommen, wie es anderen Müttern nach der Trennung ergehen kann?

Wieviel Mut halten Sie für angemessen?

Reichen Sie ihr eher die Hand

  • Helfen und unterstützen Sie sie, indem Sie ihr im familiären Umfeld einen sicheren Raum gewähren, in dem es nicht um den toxischen Ex geht. Einen Raum, in dem sie Luft holen kann, in dem ihr Gutes widerfährt und sie wieder ihre Stärke aufbauen kann.
  • Helfen und unterstützen Sie sie, indem Sie eine klare Position und Stellung für sie beziehen und sich von dem toxischen Ex-Partner und seiner anderen Erfüllungsgehilfen deutlich abgrenzen.
  • Helfen und unterstützen Sie als Mann die Mutter dabei, die Kinder bestmöglich zu schützen und zu stärken. Indem Sie ihren Kindern ein gutes, männliches Vorbild abgeben. Mit geradem Rücken und unbestechlicher Integrität.
  • Helfen und unterstützen Sie, indem Sie zum Wechselmodell, welches diese Väter vor Gericht erzwingen wollen, eindeutig und bestimmt „Nein!“ sagen.
  • Informieren Sie sich über Narzissmus, um die oft nicht einfachen Zusammenhänge besser verstehen zu können.

Damit Sie sich ein eigenes Bild von der Situation machen können, bevor Sie die Mutter bewerten und verurteilen.

Danke.

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