Warum du dir verzeihen darfst, dass ausgerechnet du einem Narzissten dein Herz geschenkt hast

Sep 7, 2018 | 2 Kommentare

Wenn ein Thema im Laufe meiner Arbeit mit meinen Klientinnen und meinen Followern immer mal wieder hochkommt, dann diese Art von Selbstanklage:

„Warum habe ich mich nur in so ein Arschloch verlieben können? Was stimmt mit mir nicht?“

„Warum war ich nur so blöd und habe seinen Narzissmus nicht viel früher erkannt? Das ist doch so offensichtlich?“

„Ich muss wirklich bescheuert gewesen sein, dass ich nach seinen Vorgängern, die alle eine ähnliche Macke hatten, ausgerechnet mit dem auch noch ein Kind gezeugt habe. Was muss noch alles passieren, damit ich es endlich kapiere?“

„Ich arbeite im pädagogischen/therapeutischen Bereich und berate andere Frauen. Ich bin so eine Niete, dass ich selbst auf so einen Typen hereingefallen bin.“

„Ich bin eine hochbezahlte Fachkraft und bin es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und anspruchsvolle Aufgaben zu stemmen. Wie konnte ich nur auf so einen Loser hereinfallen? Ich darf das keinem erzählen, die lachen mich doch aus…“

Kennst du diese inneren Dialoge auch?

Traust du dich kaum noch, im Geschäftsmeeting aufzustehen und souverän die Rede zu führen oder in Gehaltsverhandlungen auf deine gute Leistung hinzuweisen – weil du dich so sehr für deine private Havarie mit einem narzisstisch gestörten Mann schämst, dass du alles in Frage stellst?

Dann wird es Zeit für eine neue Sichtweise, meine Liebe.

Schritt 1: Sei lieb zu dir

Zuerst möchte ich, dass du liebevoller mit dir umgehst. Sprich bitte netter, wenn du im trauten Zwiegespräch mit dir selbst bist. Wenn du tatsächlich so derbe Schimpfwörter verwendest und dich so runtermachst, gehst du härter mit dir ins Gericht als jeder Anwalt der Gegenseite.

Du hast genug Gegner.

Sei wenigstens dir selbst gegenüber deine beste Freundin! Beobachte mal in den nächsten Tagen aktiv, wie du mit dir sprichst und überlege dir neue Sätze, die zwar meinetwegen kritisch hinterfragen dürfen, aber bei weitem nicht so gemein sind.

Wie würdest du nachfragen, wenn dir deine beste Freundin ein ähnliches Leid klagen würde, und du bist verwundert?

Schritt 2: Überprüfe deine eigene Anspruchshaltung

Scham kommt dann auf, wenn wir Entscheidungen getroffen haben, die sich im Nachhinein nicht mit unseren Werten und der eigenen Anspruchshaltung decken. Man denkt sich:

„Ich halte sonst meine Werte wie Integrität und Authentizität wie eine Fahne hoch. Aber lebe ich sie wirklich?“

Vielleicht hast du dich früher auch schon mal offen über eine andere Frau gewundert, die auf einen komischen Typen hereingefallen war, und hast selbst den Kopf geschüttelt. Und das fällt dir jetzt schmerzhaft auf die Füße, wenn du dich daran erinnerst.

Niemand ist perfekt, Sweetheart.

Mutter Theresa war nicht perfekt, Michelle Obama ist nicht perfekt, Julia Roberts ist nicht perfekt, ich bin nicht perfekt, und du bist es halt auch nicht.

Wir sind Menschen. Menschen machen Fehler, sind manchmal unlogisch, stellen dumme Sachen an und fassen sich nachher an den Kopf.

„No big deal“, wie die Amis gerne sagen.

Fehler finde ich sogar sehr begrüßenswert, denn sie bringen einen weiter.

Immer.

Allerdings kaum, wenn du dich mit deinen Selbstzweifeln in die Ecke stellst und dir zur Buße ständig die neunschwänzige Katze auf den Rücken haust.

Zumal die Frage „Warum?“ dich keinen Deut weiterbringt.

Wohingegen die Frage „Wie schaffe ich es, dass mir so etwas nicht noch einmal passiert?“ dich viel weiter nach oben katapultiert, wenn du dich eingehend damit beschäftigst und du auf Antwortpirsch deinen Füller in deinem Journal austoben lässt.

 

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Schritt 3: Anerkennen, wer und wie du bist

Ich kann zwar verstehen, dass Außenstehende sich wundern, wenn man versucht, ihnen hochkonflikthafte Trennungsfälle zu erklären, in denen versierte Sozialpädagoginnen, Mediatorinnen, Erzieherinnen, Grundschullehrerinnen, Coachinnen (äh… Coaches) oder hochbezahlte Spezialistinnen vorkommen.

Und ich verstehe natürlich auch, dass sich die betroffenen Frauen daher kaum trauen, über ihre Scham zu sprechen. Weil sie es ja selbst nicht verstehen, warum das passieren konnte.

Dabei gibt es einen ziemlich einfachen Nenner, der die Dynamik ziemlich gut erklärt:

Empathie.

In all den klassischen Berufen, in denen ein hohes Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen verlangt wird, tummeln sich besonders viele empathische beziehungsweise hochsensible Frauen.

Empathen und Narzissten treffen aufeinander wie Schlüssel und Schloss oder wie die Motte und das Licht. Ich habe dieses Phänomen schon einmal in diesem Blogartikel näher beschrieben:

„Narzisstisch gestörte Männer fliegen auf empathische Frauen wie Motten ans Licht. Sie begreifen unbewusst, dass ein empathischer Mensch all das verinnerlicht, was ihnen fehlt. Die Empathin, die unbewusst wahrnimmt, dass sie eine zutiefst verletzte Kinderseele vor sich hat, freut sich, dass sie helfen und heilen darf. Damit nimmt das Drama seinen Lauf: Denn der Kranke will eigentlich nicht geheilt werden und die Empathin kann gar nicht heilen.“

Heißt das jetzt im Umkehrschluss, dass es für dich nur noch solche Männer geben wird?

Hmmm. Ich glaube schon, dass wir Empathen solche Typen immer anziehen werden.

Aber nach dem letzten Schiffsbruch wette ich mit dir, dass du nicht mehr mit einem zusammenkommen wirst, sofern du daran innerlich gearbeitet und dich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hast.

Damit deine roten Flaggen zuverlässig aufleuchten, wenn dir ein Typ wieder mit Love Bombing ankommt.

Zusammengefasst: Vergib dir.

Du darfst dir das schon verzeihen, dass du ausgerechnet mit diesem Typ zusammengekommen bist, meine Liebe. Es zeichnet dich auch als besonders empathischen Menschen aus, der sehr feinfühlig und sensibel ist. Du warst in der Tat zum Zeitpunkt Eures Kennenlernens sehr authentisch und ganz du selbst!

Klar bist du geschockt, wenn der einstmals Geliebte nun meint, die Mutter seiner Kinder gerichtlich durch die Mangel drehen zu müssen, weil du ihn verlassen hast und er rhetorisch so verdammt geschickt ist, dass alle Zeichen gegen dich zu stehen scheinen!

Aber du kannst nun mal nichts dafür. Du hast dir nichts zuschulden kommen lassen, als du dich in diesen charmanten Tausendsassa verliebt hast.

Ich weiß nicht, ob du schon deine eigene Perle der Erkenntnis aus dieser Erfahrung gezogen hast.

Und ich weiß, dass sich das wirklich hanebüchen anhört, wenn ich sage, dass ich für diese große Krise und schlimme Erfahrung zutiefst dankbar bin.

Aber so ist es in meinem Fall tatsächlich. Hätte ich das alles nicht selbst erlebt, würde ich dir heute hier nicht helfen, deine virtuelle Hand halten und dich stärken können.

Das ist doch echt ein super Grund, um dankbar zu sein, oder? Davon ausgehend fällt es mir leichter, mir selbst zu verzeihen – und ich kann dir versichern, dass ich mir die Sprüche von oben auch oft genug selbst vorgebetet habe.

Der nächste, naheliegende Schritt ist, dem Ex zu verzeihen. Da bin ich noch nicht angekommen, aber die Zeichen deuten darauf hin, dass ich diesen Weg gehen muss.

Bitte nicht falsch verstehen: Das soll nicht heißen, dass dann wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen sein wird. Und damit der Toxizität in meinem Leben wieder Tür und Tor öffne.

Nein.

„No Contact!“ in der Beziehung zum Ex wo es geht und in der Elternschaft möglich ist wird meine Devise bleiben.

Aber ich brauche diese blöden Ressentiments nicht mehr in meinem Leben und in meiner Zukunft. Das ist innere Arbeit, die ich für mich noch tun muss. Davon muss der Ex ja nix erfahren…

Ich weiß allerdings, dass das die Kür ist, und das heißt nicht, dass du mir damit folgen musst.

Hauptsache, du vergibst dir selbst zuerst und beginnst, dich jeden Tag wieder mehr zu mögen, indem du nett und respektvoll mit dir umgehst.

Wie siehst du das? Hast du dir schon verziehen? Ich freue mich über deinen Kommentar weiter unten.

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