Wenn der Erziehungsstil des Ex nur noch nervt – so bleibst du lässig

von Jun 5, 2016Alltag leben0 Kommentare

Was schon in einer funktionierenden Beziehung eine Herausforderung sein kann, wird nach einer Trennung ein kapitaler Kraftakt: Wie die unterschiedlichen Erziehungsstile auf einen gemeinsamen Nenner bekommen? Und – braucht es das überhaupt?

Ich weiß ja nicht, wie du es mit der Erziehung hältst, aber ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du mit viel Herzblut bei der Sache bist und du deine Werte, die dir von deiner Familie schon mitgegeben wurden, auch weitergeben möchtest. Ich bin übrigens davon überzeugt: das geht den Vätern nicht anders.

Schwierig wird eine solche Diskussion immer dann, wenn man meint, die eigenen Erziehungswerte seien „richtiger“ oder „wichtiger“ als die des Ex. Und falls man noch andere Baustellen mit viel Ärger und Wut offen hat, kann das Thema Erziehungsstil das Fass jederzeit zum Überlaufen bringen, denn die Erziehung findet ja tagtäglich statt, quasi jede Minute.

Viele Gelegenheiten für jede Menge Stress und Unmut

Da ist der hohe Zeitkonsum vor dem Fernseher oder Computer oder Smartphone. Hier darf das Kind an der Wii daddeln, drüben werden Computerspiele als süchtig machend verteufelt. Bei der Mutter gibt es keine Süßigkeiten, beim Papa steht das Bonbonglas offen auf der Kommode. Der eine Elternteil legt viel Wert auf gute Tischmanieren, der andere sieht das lockerer. Gründliches Zähneputzen vor dem Zubettgehen? Pah, einmal ausfallen lassen wird schon nicht so schlimm sein.

Diese Liste ließe sich jetzt beliebig weiter führen. Du kennst bestimmt noch viele andere Beispiele.

Bestandsaufnahme: Welche Gefühle werden bei dir ausgelöst? Und wie intensiv sind sie?

Wie hoch ist der Wert auf deiner Emotionsskala bei den unterschiedlichen Situationen? Da genauer hinzuschauen lohnt sich, damit du Spreu vom Weizen trennen kannst.

Kannst du das jeweilige Gefühl in Worte fassen?

  • Bist du frustriert oder richtig wütend, wenn dein Kind dir erzählt, dass es sich beim Papa nie abends die Zähne drei Minuten lang putzen muss?
  • Oder bist du eher verzweifelt, wenn dein Kind durchblicken lässt, dass es beim Papa immer jeden Tag Süßes bekommt, weil du Angst hast, dass dein Kind zu dick wird und später von anderen Kindern gemobbt wird?
  • Vielleicht bist du nur genervt, wenn dein Kind dich ständig anquengelt, dass es auch eine Wii bei dir haben will?

Je stärker du emotional bei einem Thema eingebunden bist, desto mehr hat das auch mit dir zu tun. Vielleicht bist du selbst z.B. als dickes Kind heftig gemobbt worden und willst diese Erfahrung deiner Tochter unbedingt ersparen.

Vielleicht bist du aber auch nur deshalb so genervt, weil du dich mit deinem Ex schon früher genau über diese Sachen gestritten hast.

Oder glaubst du sogar, das macht er jetzt extra, um dir nachträglich eins auszuwischen?

Zu allem Überfluss kommt dann eines schönen Tages dieser Satz aus dem Mund deines Goldstücks:

„Aber beim Papa darf ich das!“

Bäng: die A-Karte!

Vertrau mir – dein Ex hört diesen Satz leicht abgewandelt ebenso: “Aber bei der Mama darf ich das!”

Ihr sitzt also beide im gleichen Boot. Kann man sich bei so unterschiedlichen Positionen überhaupt arrangieren? Vogel Strauß Politik funktioniert hier leider nicht. Schade eigentlich… 😎

 

Was aber tun, wenn der Ex einen Grundpfeiler deiner Werte verletzt?

Wenn sich aus der obigen Gefühlsanalyse heraus ergibt, dass ein fundamentaler Wert verletzt wird, der einem selbst sehr wichtig ist, dann gibt es meiner Meinung nach zwei Optionen:

  • Mit dem Ex darüber reden (sic! und gleichzeitig schluck!)
  • Dem Kind genau diesen Wert anders vorleben, aber – und das ist jetzt die Schwierigkeit dabei, vor allem wenn man immer noch sauer auf den Ex ist – ohne den Ex vor dem Kind abzuwerten.

Mit dem Ex reden kann eine ziemlich große Hürde und Herausforderung sein, wenn Ihr total zerstritten seid. Wenn das noch nicht der Fall ist, ist es einen Versuch wert.

Selbst wenn das geht, mach dir bitte eines klar: Du kannst das Verhalten deines Ex-Partners nun mal nicht verändern oder gar kontrollieren!

Trotzdem gehe ich in der Regel davon aus, dass dein Ex Euer Kind genau so liebt wie du und nur das Beste im Sinn hat. Also bei meinen Beispielen geht es nicht darum zuzulassen, dass lebenswichtige Regeln bezüglich Allergien oder sonstigen gesundheitlichen Einschränkungen Eures Kindes ignoriert werden! Zur Not schleppst du den Ex mit zum Arzt, falls er sich uneinsichtig zeigt.

Aber das sind nicht die Fälle, die ich meine. Ich denke eher an die ganz alltäglichen Dinge, die dir einfach nur wichtiger sind als ihm. Und vielleicht hat er bis zu Eurem Gespräch nicht den blassesten Schimmer, dass dir dieses oder jenes so total wichtig ist.

Wenn er verständig ist und du ihn darum bittest, stehen die Chancen gut, dass er vermehrt darauf achtet. Vielleicht war es ihm bislang total wurst, ob das Kind jeden Tag zweimal die Zähne putzt. Und wenn er  begreift, dass dir das wirklich wichtig ist, dass das Kind später mal gepflegte Zähne hat, dann will er sich nicht unbedingt deswegen mit dir streiten. Stell ich jetzt mal so in den Raum.

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Wenn du bei dieser Option nur müde abwinkst, dann bleibt noch die zweite Möglichkeit. In meinem Fall sind es z.B. unsägliche Chauvi- und frauenfeindliche Sprüche, die mein Sohn immer mal vornehmlich beim Autofahren von sich gibt, die mich megamäßig stören. Dann hake ich sofort nach und bringe Gegenbeispiele, damit er ins Nachdenken kommt. Und ich weiß selbst, dass es überhaupt null Sinn macht, mit dem Ex-Partner darüber zu reden. Er würde mich nur auslachen.

Wichtig ist, dass wir uns in solchen Fällen zusammenreissen und der Versuchung nicht nachgeben, laut und abschätzig vor dem Kind über den Ex zu lamentieren, so à la „Wieder mal typisch!“ und was einem da sonst noch alles in den Sinn kommt.

Ja, wenn du das schaffst, hast du dir

  1. ein Stück Schokolade
  2. deine Traumbluse vom Designer
  3. eine Wellnessmassage von deinem neuen Freund

redlich verdient! 🙂

Der Königsweg: Erziehungsverantwortung teilen – und loslassen

In allen anderen Fällen, die dich zwar ärgern oder frustrieren, aber sich nach der Gefühlsanalyse von oben als nicht sooo wichtig für dich herauskristallisieren, heißt es loslassen lernen.

Frag dich: Was passiert schlimmstenfalls, wenn das Kind das später mal so macht wie beim Papa und nicht, wie ich es haben möchte?

Frag dich: Welche Unarten hatte ich eigentlich als Kind, die ich später als Jugendliche / Erwachsene locker abgeschüttelt habe?

Vertraue darauf, dass dein Kind sich auch weiter entwickeln wird.

Wir Mütter werden zwar noch viel zu oft als alleine zuständig und damit verantwortlich für das Benehmen und Wirken unserer Kinder gemacht, aber im Gegensatz zu den „wirklichen“ Alleinerziehenden haben wir einen entscheidenden Vorteil: Wir können uns zurücklehnen und einen Teil der Erziehungsleistung an den sich engagierenden Ex-Partner übertragen.

Wenn wir uns das selbst immer wieder klar machen, dann wird es auch irgendwann einmal unser Umfeld begreifen. Das hoffe ich zumindest!

Zwar ist es kindisch, auf entsprechende Vorhaltungen mit „Das hat er bei seinem Vater gelernt!“ zu reagieren, aber du könntest ja entgegnen „Danke für den Hinweis, ich werde gerne mal mit seinem Vater darüber sprechen, damit das aufhört/sich ändert etc.“

Fazit

Kinder sind wunderbar und haben wirklich tolle Fähigkeiten: Sie können zwischen unseren Welten wandeln. Und zwar ohne dabei Schaden zu nehmen! Sie müssen allerdings von Anfang an eines begreifen:

[pullquote align=”normal”]Im Haus von Mama gelten die Mama-Regeln, im Haus vom Papa die Papa-Regeln. Basta. [/pullquote]

Denn das sollte klar sein: So wenig, wie dein Ex deine Regeln übernehmen muss, so wenig musst du seine Regeln adaptieren, wenn sie dir gegen den Strich gehen.

Das Kind bekommt nach dem Abendessen beim Papa immer ein Eis, auch im Winter, und macht eine entsprechende Bemerkung? Deine Entgegnung: „Das freut mich für dich, dass du beim Papa immer deine Leib-Nachspeise bekommst. Bei uns gibt es Apfel!“ Das Kind darf immer bis 5 Uhr spielen und erst danach seine Hausix machen? „Schön für dich. Bei uns ist Hausix-Zeit um 3.“ Oder was auch immer.

Weißt du was? Wenn dir das klar geworden ist und du loslassen kannst, dann hast du es besser als die vielen Paare und intakten Familien da draußen. Denn die müssen sich in jedem Fall einigen, da kann nicht der eine Elternteil „Hü!“ sagen und der andere „Hott!“

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt: Wir sollten uns immer mal wieder vor Augen führen, dass unsere Erziehung bzw. Begleitung durch Kindheit und Jugend unserer Kinder immer nur einen Teil zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.

Es gibt so viele andere Menschen, die großen Einfluss ausüben können – im Guten wie im Schlechten. Die Lehrer oder Trainer deines Kindes kannst du ja schließlich auch nicht kontrollieren oder ihnen vorschreiben, wie sie mit deinem Herzstück umzugehen haben. Oder etwa deine Ex-Schwiegereltern

Wie siehst du das? Ich freue mich über deinen Kommentar weiter unten.

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